Antisemitismus an Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023

Erschienen am 24. September 2026Autor:innen: Lisa Johanne Jacobs

Antisemitismus wird oft fälschlicherweise als Problem politischer Ränder oder bildungsferner Milieus gesehen. Dabei hat er gerade in der gebildeten Mitte eine lange Tradition. Seit dem 7. Oktober 2023 ist an Hochschulen weltweit zu beobachten, wie Judenhass im Namen von Menschenrechten und Antiimperialismus immer offener und koordinierter artikuliert wird.

Nur einen Tag nach dem Massaker der Terrororganisation Hamas postete die studentische Leipziger Gruppe Handala auf Instagram ein Bild, das die Comicfigur Handala1 mit einem Gleitschirm zeigt und die Bildunterschrift „from the sea to the river“ trägt. Mit Paraglidern hatten die Terroristen am 7. Oktober 2023 die Grenze zu Israel überquert, um dort Jüdinnen:Juden zu ermorden und zu entführen. Der Gleitschirm wird auf Social Media zum antisemitischen Symbol, das den größten Terrorangriff auf Israel in der Geschichte des Landes zu einem legitimen Akt des Widerstands umdeutet. Bereits hier wird die Empathieverweigerung gegenüber den israelischen Opfern des Terrorangriffs deutlich. Durch den Slogan „From the sea to the river“ – wobei die Variante „From the river to the sea, palestine will be free“ geläufiger ist – wird darüber hinaus das Existenzrecht Israels negiert. Der Satz fordert ein Palästina vom Mittelmeer bis zum Jordan, also über das gesamte Staatsgebiet Israels sowie den Gazastreifen und die Westbank.

Abbildung 1: Antisemitischer Instagram-Post vom 8. Oktober 2023.
Abbildung 1: Antisemitischer Instagram-Post vom 8. Oktober 2023.

Zwar existierten antisemitische Hochschulgruppen bereits vor dem 7. Oktober 2023, doch sind diese seitdem aktiver, relevanter und auch präsenter geworden.

Kontinuität des Antisemitismus an Hochschulen

Der Antisemitismus an Hochschulen, beziehungsweise aus akademischen Milieus, ist kein neues Phänomen. Historisch lässt sich eine Kontinuität des Antisemitismus innerhalb gebildeter Schichten von den antiken Kirchenvätern über die Aufklärung2 bis in die Neuzeit nachweisen. Im Nationalsozialismus waren Hochschulen die ersten Orte, an denen jüdische Studierende und Lehrende unter aktiver Mitwirkung ihrer Kommiliton:innen und Kolleg:innen verdrängt wurden.

Auch in ihrer neueren Forschung zeigen unter anderem Monika Schwarz-Friesel3 und Johannes Sosada, dass Antisemitismus schon vor dem 7. Oktober 2023 an Hochschulen präsent war. Sosada konnte in seiner Dissertation zeigen, dass auch unter Studierenden Antisemitismus virulent ist und dass hier eine „Israelisierung der antisemitischen Semantik“4 zu beobachten ist. Die bundesweiten, von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) dokumentierten antisemitischen Vorfälle zeigen zum einen, dass der israelbezogene Antisemitismus 2024 und 2025 die am häufigsten dokumentierte Erscheinungsform war. Zum anderen verdeutlichen sie, dass die Fallzahlen an Hochschulen seit dem 7. Oktober 2023 massiv gestiegen sind. Laut dem Lagebericht Antisemitismus an deutschen Hochschulen des AJC Berlin Ramer Institute müssen jüdische Studierende und Lehrende auf dem Campus immer wieder zwischen ihrer Sichtbarkeit als Jüdinnen:Juden und ihrer eigenen Sicherheit abwägen, was oft ein Verbergen ihrer jüdischen Identität bedeutet. Denn Jüdinnen:Juden werden als Stellvertreter:innen des Staates Israel imaginiert und der Hass auf sie entladen. Aber auch ohne erkennbar jüdisch zu sein, hat die große Präsenz des Antisemitismus an den Hochschulen selbst sowie auf Social Media spürbare Auswirkungen, die vom Rückzug aus dem universitären Leben, studentischen Gruppen oder sozialen Netzwerken bis hin zu Einschränkungen der psychischen Gesundheit reichen.

Mobilisierung und Protestcamps

In den USA ist besonders an den Eliteuniversitäten der sogenannte Campus-Antisemitismus angestiegen. In Protestcamps auf den Universitätsgeländen war Antisemitismus dauerpräsent: Über 100 solcher Camps5 gab es im April und Mai 2024 in den USA, viele davon haben offen die Hamas unterstützt oder antisemitische Rhetorik gegenüber jüdischen Studierenden genutzt. Günther Jikeli und Daniel Miehling zeigen in ihrer Studie zu Campus-Antisemitismus im US-amerikanischen Raum auf, dass antisemitische Campus-Gruppen hochgradig koordiniert sind und dass sie nicht nur für den Anstieg der antisemitischen Vorfälle verantwortlich sind, sondern auf ihren Social-Media-Accounts auch sprachlich Antisemitismus normalisieren, Gewalt verherrlichen und Rhetorik der Hamas reproduzieren.

Auch an vielen Universitäten in Deutschland gab es solche Protestcamps. Hinsichtlich der Hochschulgruppen, die diese Camps koordiniert haben, lässt sich feststellen, dass deren Mobilisierung und Organisation vor allem über Social-Media-Plattformen wie z.B. Instagram stattfinden. Hier werden Demoaufrufe, Veranstaltungen, Statements oder auch Redebeiträge von Kundgebungen geteilt.6 In den Kommentarspalten entsprechender Accounts finden sich antisemitische Äußerungen, die zumeist unwidersprochen bleiben. Unter dem Deckmantel der Israelkritik und des Antizionismus wird israelbezogener Antisemitismus artikuliert:

Abbildung 2: Antisemitische Kommentare auf Instagram, in denen Israel dämonisiert wird.
Abbildung 2: Antisemitische Kommentare auf Instagram, in denen Israel dämonisiert wird.

Akademischer Boykott

Zu den spezifischen Merkmalen des Campus-Antisemitismus in Deutschland gehören die Moralisierung, mit der Israel sofort verurteilt wird, sowie die Täter-Opfer-Umkehr, wenn etwa Israel die Schuld am Terrorangriff der Hamas gegeben wird. Mit seiner gezielten Ausrichtung auf das akademische Milieu äußert sich der hiesige Campus-Antisemitismus immer wieder im Aufruf zum Boykott israelischer Universitäten sowie dortiger Wissenschaftler:innen. Während sich 2019 noch viele Allgemeine Studierendenausschüsse (ASten) in Deutschland gegen die antisemitische BDS-Kampagne7 positionierten, werden es inzwischen immer weniger. Neben der internationalen BDS-Kampagne, die seit dem 7. Oktober 2023 vermehrt an Bedeutung gewinnt, sind weitere Kampagnen hinzugekommen, wie die Academic Boycott Campaign Germany (ABC Germany). Vom 20. bis 24. April 2026 organisierte sie die erste Israeli Apartheid Week8 in Deutschland. Diese findet seit 2005 in verschiedenen Ländern statt. Die Veranstaltungen werden meist auf Universitätsgeländen ausgetragen und dienen der Unterstützung der BDS-Kampagne.

 Abbildung 3: Instagram-Post zur „Israeli Apartheid Week“.
Abbildung 3: Instagram-Post zur „Israeli Apartheid Week“.

In mehreren deutschen Großstädten fanden in dieser Zeit Paneldiskussionen, Workshops und Filmvorführungen statt. Auf den bewerbenden Social-Media-Posts der Hochschulgruppen war wieder die Comicfigur Handala abgebildet, die einen Schlüssel in den Händen hält. Sowohl die Figur Handala als auch der Schlüssel sind zu antisemitischen Symbolen der antiisraelischen Protestszene geworden: Im Kontext antiisraelischer Proteste, in denen das Existenzrecht Israels geleugnet, der Terrorangriff der Hamas verharmlost oder Israel die Alleinschuld für den Konflikt in der Region zugeschrieben wird, fungiert die Figur Handala als Symbol für ein passives, machtloses Kollektiv. Dies negiert die Komplexität des arabisch-israelischen Konflikts. Das Symbol des Schlüssels steht für eine angestrebte Rückkehr und eine Ein-Staaten-Lösung, bei der Jüdinnen:Juden in der Minderheit wären, und wird dabei als Mittel zur Beseitigung Israels gerahmt.

In fünf Instagram-Beiträgen wurde dazu aufgerufen, die „akademische Komplizenschaft“ mit fünf Universitäten in Israel zu beenden. Die Vorwürfe sind dabei vielfältig und reichen von einem angeblichen Raub palästinensischer Bücher bis hin zu der Behauptung, eine juristische Fakultät arbeite daran, außergerichtliche Hinrichtungen und Folter gegen eine Zivilbevölkerung zu legitimieren.

Abbildung 4: Instagram-Post zum Boykottaufruf der Universität Tel Aviv.
Abbildung 4: Instagram-Post zum Boykottaufruf gegen die Universität Tel Aviv.

Alte Muster, neue Reichweite

Antisemitismus war nie allein ein Phänomen der politischen Ränder oder von Milieus geringerer formaler Bildung. Was sich seit dem 7. Oktober 2023 an Hochschulen weltweit zeigt, ist daher keine Ausnahme, sondern fügt sich in eine lange Kontinuität ein. Verändert haben sich vor allem die Form der Verbreitung und die Reichweite der antisemitischen Inhalte sowie die Vernetzung der Akteur:innen. Dabei wird im akademischen Umfeld der Terroranschlag gegen Israel verharmlost, rationalisiert und zu einem legitimen Widerstand verklärt. Israelbezogener Antisemitismus wird als vermeintlich moralisch richtige Position dargestellt und in emotionalisierenden, komplexitätsreduzierenden Statements verbreitet. Über Social-Media-Plattformen erfolgen die Mobilisierung zu Protesten sowie die Koordination von Boykottkampagnen, die sich ausschließlich gegen den einzigen jüdischen Staat richten.

Fußnoten

  • 1

    Handala ist eine Comicfigur, die 1969 vom palästinensischen Karikaturisten Naji al-Ali erschaffen wurde. Die Figur stellt einen zehnjährigen, barfüßigen Jungen in geflickter Kleidung dar, der von hinten zu sehen ist und die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat. Als Symbol des palästinensischen Flüchtlingsschicksals wird sie bis heute in Karikaturen und politischen Kontexten verwendet.

  • 2

    Schwarz-Friesel, M. & Reinharz, J. (2013): Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert, De Gruyter (S. 58ff.)

  • 3

    Schwarz-Friesel, M.(2015): Gebildeter Antisemitismus. Eine Herausforderung für Politik und Zivilgesellschaft. Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, Nomos.

  • 4

    „Durch eine zeitgemäße und opportune Substitution (statt auf Jude/Judentum wird auf Israel referiert) verschiebt sich der alte Hass auf den jüdischen Staat bzw. auf das Phantasma ISRAEL.“ (Schwarz-Friesel 2020, S.52)

  • 5

    Protestcamps waren die Besetzung von öffentlichen Plätzen oder Universitätsgeländen mit Zelten. Sie erlangten weltweite Aufmerksamkeit, als Studierende an über 100 US-amerikanischen Universitäten Zeltlager errichteten, um gegen das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen zu demonstrieren und den Boykott israelischer Institutionen zu fordern.

  • 6

    Stoller, K. R. (2025): Antisemitismus an deutschen Hochschulen, in: Glöckner O. & Jikeli G., Antisemitismus in Deutschland nach dem 07. Oktober 2023, Nomos, S. 129-154.

  • 7

    BDS steht für Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel. Die BDS-Kampagne spricht sich gegen Israels Existenzrecht aus, dämonisiert und delegitimiert Israel und legt doppelte Standards an Israel an.

  • 8

    Der Vorwurf der Apartheid gegenüber Israel ist eine De-Realisierung: Es wird geleugnet, dass Israel ein demokratischer Staat ist. Der Vorwurf verzerrt israelische Sicherheitsentscheidungen und wird zum Inbegriff moralischer Verwerflichkeit. Er ist somit als israelbezogener Antisemitismus zu werten.

Unterstützen Sie die Arbeit von CeMAS mit einer Spende