China lässt sich loben: Wenn Influencer:innen das Image polieren
Viele Travel-Influencer:innen teilen Videos, in denen China als spannendes Reiseziel voll florierender Kultur dargestellt wird. Auffällig viele der Videos kommen allerdings aus Xinjiang, einer Region, die international vor allem für Menschenrechtsverbrechen an den Uigur:innen bekannt ist. Das ist kein Zufall, sondern Ziel der Kommunistischen Partei.
Travel-Influencer:innen nehmen ihr Publikum in den sozialen Medien vermeintlich hautnah auf ihre Abenteuer mit und erkunden dabei auch umstrittene und Risikoregionen. Solche Berichte sind weder neu noch zwingend politisch motiviert. Was jedoch auf den ersten Blick unpolitisch aussieht, kann im Rahmen geopolitischer Veränderungen eine besorgniserregende Relevanz erhalten. So trat die pro-russische Influencerin Alina Lipp, die heute vor allem für die Verbreitung von Desinformation und die Rechtfertigung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bekannt ist, zuerst mit freundlichem Reisecontent von der Krim in Erscheinung. Mit der Eskalation zum vollwertigen Angriffskrieg im Februar 2022 wandelte sich ihr Kommunikationsverhalten. Bis heute versorgt sie ihre inzwischen 165.000 Abonnent:innen mehrmals täglich mit pro-russischen Narrativen und Desinformation. Sie selbst inszeniert sich dabei als unabhängige Journalistin, die die Wahrheit vor Ort zeige.
Seit einigen Jahren spielt China im Bereich Travel-Content eine zunehmende Rolle. Neben dessen touristischen Reizen drängen sich jedoch auch hier immer wieder Ungereimtheiten ins Bild. Wieso tauchen bestimmte Sätze und Narrative immer wieder auf? Warum reisen so viele Influencer:innen ausgerechnet nach Xinjiang? Die nordöstliche Provinz ist nicht nur weit entfernt von den üblichen Hauptreisezielen des Landes, sie ist vor allem bekannt für die Menschenrechtsverbrechen, die die Chinesische Kommunistische Partei (KPCh) hier an den Uigur:innen verübt. Wieso drehen so viele Influencer:innen also ausgerechnet hier fröhliche Reisevideos?
„Authentischer“ Content, künstlich gefördert
Dass unverhältnismäßig viele Reiseberichte zu China und Xinjiang entstehen, ist kein Zufall. Vielmehr arbeitet die KPCh aktiv daran, dass möglichst viel positiver Content in Umlauf gebracht wird. Die Kommunikationsstrategie „Telling China’s Story well“ soll dafür sorgen, dass das internationale China-Bild positiv geprägt ist, und Menschenrechtsverbrechen wie in Tibet und Xinjiang, die Eingriffe in die Demokratiebewegung in Hongkong oder die dauerhafte Drohkulisse gegenüber Taiwan aus dem Fokus geraten. Dafür werden schon länger verschiedene Kommunikationsformate eingesetzt, darunter auch Influencer:innen.
In diesem Erzählrahmen findet Xinjiang nicht als Schauplatz von Unrecht und Unterdrückung statt, sondern als spannendes Reiseziel mit florierender Kultur und kulinarischen Delikatessen, die abenteuerlustige Reisenden zum Entdecken einladen sollen. Bilder von Uiguren in Internierungslagern, Berichte von erzwungener Umsiedelung und Zwangsarbeit sollen in Vergessenheit geraten. An ihre Stelle tritt ein Trugbild von Xinjiang als quirliges Urlaubsparadies. An der Konstruktion dieser Fassade arbeiten nicht nur staatlich-kontrollierte Kommunikationsorgane. Denn dieselbe Geschichte wirkt aus den Mündern vermeintlich unabhängiger Influencer:innen viel überzeugender: Man lobt sich nicht selbst, man lässt loben. Damit die gewünschte Message möglichst oft auf den Bildschirmen des Zielpublikums ankommt, hilft die KPCh systematisch nach:
Content-Wettbewerbe: Erzähl‘ mir, was ich hören will
Chinesische staatlich-kontrollierte Auslandsmedien und diplomatische Vertretungen schreiben regelmäßig Wettbewerbe aus, in denen das internationale Publikum aufgerufen ist, eigene Geschichten zu China zu teilen. Gesucht werden positive, inspirierende Darstellungen Chinas „aus dem Blickwinkel“ („China through my eyes“) der westlichen Teilnehmer:innen. So wird Content gefördert und gesammelt, der die positive Außendarstellung Chinas bestätigen soll. Sprachlich erinnert die Formulierung an Narrative, die kritische Perspektiven zu China grundsätzlich auf Missverständnisse oder westliche Propaganda zurückführen. Darin heißt es dann, man müsse China eben „mit eigenen Augen sehen“, um die „Wahrheit“ zu erkennen – also die parteigenehme Interpretation Chinas.

Aktuell betreibt die chinesische Botschaft in Berlin einen solchen Wettbewerb: Unter dem Titel „Die Chinesische Modernisierung in meinen Augen“ werden Kurzvideos gesucht, die „mit kreativen Ideen und unverwechselbaren Einsichten ein Fenster für Deutschland zum echten China“ eröffnen sollen. Der Wettbewerb greift damit ein typisches Narrativ chinesischer Selbstdarstellung auf: China als beeindruckender Vorreiter zukunftsweisender Technologie. Der Verweis auf Einsichten in das „echte China“ deutet erneut die vermeintliche Falschdarstellung Chinas im internationalen Diskurs an, die korrigiert werden müsse. Unerwünscht sind laut Kleingedrucktem „politisch sensible“ oder „religiös kontroverse Inhalte“, sowie solche, die gegen chinesische Gesetze verstoßen. Ebenfalls gilt: „Die Darstellung erfundener Geschehnisse sowie die Verbreitung irreführender Informationen sind nicht gestattet“. Gesucht werden Beiträge, die „das wahre China“ zeigen – also positiver Content, der genau jene Schwerpunkte lobend erwähnt, die die offizielle Parteikommunikation ohnehin gerade bespielt. Interessierte werden mit bis zu 1.000€ Preisgeld und einem Treffen mit „hochrangigen Botschaftsdiplomaten“ gelockt. Nach Abschluss des Wettbewerbs sollen die Einreichungen von der Botschaft in sozialen Medien veröffentlicht werden.

China mit eigenen Augen sehen: Influencer:innen auf Rundreise
Um ausländische Zielgruppen von parteikonformen Vorstellungen zu überzeugen, lädt China auch zu scheinbar harmlosen Rundreisen ein. So sind entsprechende Veranstaltungen für internationale Journalist:innen bekannt, die die Vermittlung journalistischer Methoden versprechen. Was auf den ersten Blick nach Wissensvermittlung, großzügigem Kulturaustausch und Völkerverständigung aussieht, entpuppt sich jedoch schnell als strategische Propagandaveranstaltung. Präsentiert werden nur die gewünschten Facetten, ergänzt um parteigenehme Interpretationen.
Ähnlich verhält es sich mit Reisegruppen, die für internationale Influencer:innen angeboten werden. Was oft als freundliche Einladung zu Kennenlernen und Völkerverständigung beschrieben wird, dient letztlich der Verbreitung von Propaganda im doppelten Sinne: Einerseits wird auch den Teilnehmer:innen dieser Rundreise nur eine wohlkuratierte Version des Landes präsentiert. Andererseits sollen diese im Anschluss ihren Communities genau jene Geschichten von China erzählen, die die Partei gerne verbreitet sehen möchte.

Tausche Fernreise gegen Reichweite: Wenn das Tourismusamt Xinjiang einlädt
Dass eine Chinareise mitunter teuer werden kann, weiß auch das Tourismusamt Xinjiang. Um die internationale Imagepflege der für Menschenrechtsverbrechen berüchtigten Provinz weiter auszubauen, wird auch zu monetären Mitteln gegriffen: So zeigte ein Online-Inserat im April 2026, wie die Behörde kurzerhand selbst für die Entstehung positiver Reiseberichte sorgt und wieviel ihr diese wert sind: Gesucht wurden Reise-Influencer:innen „mit hoher Followerzahl“, die gegen vollständige Kostenübernahme und ca. 2.500€ für sieben Tage nach Xinjiang fliegen sollten. Die gewünschte Gegenleistung fällt überschaubar aus: Zwei Social Media Beiträge zur Reise.

Ende Mai 2026 wurde der Beginn einer neuen Xinjiang-Kampagne namens „Xinjiang Vibes“ bekanntgegeben. In Kooperation mit „globalen Influencern“ sollen insbesondere Themen wie Handel, Naturerbe oder die „ländliche Wiederbelebung“ thematisiert werden.
Auch die Direktansprache von Influencer:innen gehört zum Werkzeugkoffer chinesischer Propagandabemühungen. So berichtete der Contentcreator Mirko Drotschmann (MrWissen2Go) bereits 2021, im Vorfeld der in China ausgerichteten olympischen Spiele 2022 für wohlwollenden Content angefragt worden zu sein. Gewünscht waren „nicht-politische Themen, die etwas über Kunst, Geschichte oder auch Technologie im Kontext China berichten“. Während die Anfrage von einer französischen Agentur kam, wurde als Auftraggeber der chinesische Staatssender CCTV benannt. Als Entlohnung für ein YouTube-Video wurden „ca. 5.000€“ in den Raum gestellt.1
Propaganda hausgemacht: Influencer:innen bei CGTN
Zu guter Letzt beschäftigt das staatlich-kontrollierte Medium CGTN auch eigene Influencer:innen. Laoyan, Mengyu und Mama Yu sprechen auf sozialen Medien über Themen rund um China. Aus Nutzer:innensicht lässt sich im Content selbst kein Hinweis erkennen, dass es sich hier um staatlich-kontrollierte Inhalte handelt. Wer die Inhalte auf Facebook abruft findet einen Vermerk dazu, auf Instagram fehlt er. Auf der CGTN-Webseite sieht das anders aus: Der staatlich-kontrollierte Sender übertitelt die drei Influencer:innen in großen Lettern unmissverständlich als „Unsere Vlogger“.

China im digitalen Diskurs
China strebt nach positiver Außendarstellung und nutzt dazu unter anderem den Erzählwinkel von freundlichem Reisecontent. Generell gibt sich China Mühe, mehr internationale Tourist:innen ins Land zu holen – beispielsweise auch durch visafreie Einreiseoptionen. Die KPCh sorgt systematisch dafür, dass westliche Social Media Persönlichkeiten freundliche Inhalte über das Land verbreiten. Negatives und Kritisches wird akribisch verhindert und unterdrückt, um das Außenbild Chinas rein positiv zu gestalten. Dass Influencer:innen immer wieder angeben, wie frei sie sich im Land hätten bewegen können und wie uneingeschränkt sie berichten dürften, ist bereits Teil des aktiv verzerrten Gesamtbilds. Das verdeutlicht die Einordnung Chinas auf der Rangliste der Pressefreiheit der Reporter ohne Grenzen. Im Jahr 2025 sank das Land auf den drittletzten Platz von 180 erfassten Staaten. In Sachen Pressefreiheit liegt China damit nur einen Ranglistenplatz vor Nordkorea.
Das künstliche Einwirken Chinas auf positive Außendarstellung bedeutet nicht, dass jeder Reisebericht über das Land auf den Gehaltszettel der Partei zurückgehen muss. Die Tatsache, dass die KPCh einen solchen Aufwand betreibt, um ein westliches Publikum mit einem ganz bestimmten Chinabild zu versorgen, sollte jedoch Anlass zur Vorsicht sein. Einerseits stellt die positive Außendarstellung keinen Selbstzweck dar, sondern ist bereits Teil langfristiger globaler Machtbestrebungen des Landes. Andererseits zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre im Kontext Russland, wie schnell einmal aufgebaute Kommunikationsnetzwerke im Rahmen geopolitischer Veränderungen zur schwerpunktmäßigen Einflussnahme umfunktioniert werden können. Wo es China heute noch um positive Außendarstellung und Selbstverharmlosung geht, kann der Fokus in Zukunft auf konkreten Kriegsnarrativen und Destabilisierung liegen. Hier gilt es, aus der russischen Eskalation zu lernen, Gefahrenpotenziale im digitalen Raum frühzeitig zu identifizieren und langfristig im Blick zu behalten.