Das Betriebssystem antiliberaler Diskurse: Von Andrew Tate bis zur Neuen Rechten
Andrew Tate bezeichnet sich selbst nicht als rechtsextrem, verbreitet aber Deutungsmuster, die als rechtsextrem eingeordnet werden können. Viele antiliberale Akteur:innen wie er setzen zunehmend auf eine Verschiebung der Denkstrukturen, also „Brillen“, durch die Menschen die Welt wahrnehmen. So werden rechtsextreme, rechtslibertäre und Manosphere-nahe Milieus anschlussfähig.
Antiliberale Diskurse auf Social Media sind vielfältig und im ständigen Wandel. Genau das macht ihre eindeutige Einordnung zunehmend schwierig. Rechtslibertäre Akteur:innen greifen Narrative auf, die klassisch dem rechtsextremen Deutungsrepertoire zugerechnet werden, weisen entsprechende Zuschreibungen jedoch zurück und inszenieren sich als „Freigeist“, „skeptisch“ oder „Anti-Establishment“. Prominent ist das etwa bei dem US-amerikanisch-britischen Influencer Andrew Tate, der über soziale Netzwerke mit frauenverachtenden Aussagen ein Millionenpublikum erreicht. Trotz regelmäßig propagierter rechtsextremer Positionen erklärt er die Einteilung in politische Lager für unwichtig und gibt vor, keiner Seite anzugehören. Dadurch verschiebt er die Debatte weg vom Inhalt und hin zur Frage des Labels. Es soll weniger über die rechtsextreme Position selbst diskutiert werden als darüber, ob sie als rechtsextrem bezeichnet werden kann. Das täuscht jedoch nicht über dichte digitale Verbindungen und klare inhaltliche Überschneidungen zwischen rechtsextremen, (rechts-)libertären und Manosphere-nahen Milieus hinweg. Um in dieser Gemengelage Orientierung zu schaffen, lohnt ein Blick auf die hinter dem Inhalt liegenden Denkstrukturen, über die sich antiliberale Deutungen labelübergreifend stabilisieren.
Wenn Ideologien wandern: Warum politische Lager zunehmend verschwimmen
In Tates Weltsicht teilt sich die Welt konsequent in Freund und Feind. Feindbilder sind dabei Treibstoff: Ohne sie kann das eigene Leben nicht als Heldenreise erscheinen. Er koppelt diese Logik an einen spezifischen Modus der Selbstdisziplin, indem er empfiehlt, sich selbst zum Feind zu erklären und damit in einem permanenten Wettbewerb mit sich selbst zu stehen, um „über sich hinauszuwachsen“. Diese Fixierung auf den Feind durchdringt auch sein politisches Weltbild: Hauptgegner ist eine liberale, superreiche Elite, die die breite Masse in westlichen Demokratien über eine angebliche „Matrix“ politisch, wirtschaftlich und individuell kontrolliere.
Um in diesem Kontrollsystem „wirklich frei“ zu sein, müsse man laut Tate selbst reich werden, um sich in dieser „natürlichen Ordnung des Universums“ durchsetzen zu können. Freiheit ist damit Überlebensfähigkeit in einer „Welt der Wölfe“. Entsprechend plädiert Tate für ein sozialdarwinistisches Rechtsverständnis: Recht wird als Fähigkeit verstanden, Dominanz und notfalls Gewalt zu organisieren und durchzusetzen. Regeln und Prinzipien gelten als Werkzeuge mächtiger Kreise, die über gesellschaftliche Konventionen einprogrammiert werden.
Laut Tate forciere die zeitgenössische Matrix eine Agenda des Feminismus, der für eine „Versklavungsagenda des Matriarchats“ stehe. Er verspreche Frauen ein „unnatürliches“ Empowerment und beraube Männer dadurch ihres „natürlichen“ Wesens: also ihrer geschlechtsinhärenten Rationalität und Disziplin, die den Mann seit jeher zur „treibenden Kraft“ der zivilisatorischen Geschichte gemacht hätten. Das Ziel der Gleichberechtigung stehe für eine Verweigerung biologischer und sozialer Determinanten mit existenzieller Krisenabfolge. Dabei führe die innere Destabilisierung durch „entmannte“ Männer zu enthemmter Gewalt und sinkender Reproduktion bis hin zum Bevölkerungszusammenbruch. Diesen würden die Eliten durch einen angeblichen Bevölkerungsaustausch via Migration kompensieren, was „der zivilisatorischen Selbstbestimmung des Westens den finalen Todesstoß versetze“. Inhaltlich greift Tate damit ein Kernnarrativ des modernen Rechtsextremismus auf, ohne sich selbst dabei offen in eine völkische oder nationale Agenda einzuordnen.
Denkstrukturen als „Wirt“ und Kompass der Ideologie
Was bei Tate zunächst wie ein wildes Sammelsurium aus Männlichkeitskult, libertärem Sozialdarwinismus und Verschwörungsideologie wirkt, lässt sich auf der Ebene zugrunde liegender Deutungsmuster mit anderen antiliberalen Narrativen vergleichen, sodass erklärbar wird, warum Positionen aus dem rechtsextremen Lager anschlussfähig werden oder sich überlappen. Diese verbindet eine geteilte Denkstruktur, die Realität in Eindeutigkeit, Homogenität und moralische Totalität presst. Analytisch produktiver als die Fixierung auf Labels ist daher der Blick auf die zugrundeliegenden antiliberalen Denkstrukturen,1 die wir im Folgenden erläutern.
(1) Freund–Feind-Muster: Diese Denkstruktur ordnet politische Realität als klares Entweder-Oder: Handlungsfähigkeit entsteht durch die Benennung eines „Feindes“. Entscheidend ist weniger, wer der Feind ist, als vielmehr die dahinter liegende Abgrenzungslogik: Das „Wir“ gewinnt Profil durch Abgrenzung von dem, was es nicht ist und bekämpft werden muss. Abgrenzung erscheint dann als notwendige „Klarstellung“ der Welt. So werden der Selbstwert und der Zusammenhalt der eigenen Gruppe gestärkt sowie verzerrte Wahrnehmungen („wir“ gut, „die“ schlecht) begünstigt.2 Zugleich senkt der Dualismus Komplexität und bedient – gerade bei Bedrohungs- oder Kontrollverlustgefühlen – das Bedürfnis nach schnellen, eindeutigen Antworten.3
(2) Die Essenzialisierung von Identitäten: Hier werden Menschen oder Gruppen über eine vermeintlich „eigentliche“ Natur definiert. Diese Wesensannahme dient als Maßstab dafür, wer dazugehört, was als normal gilt und was als legitim erscheint. Pluralität wirkt dann schnell wie Abweichung oder Zwang. Solche Essenzialisierungen stabilisieren die eigene Gruppe, weil Identitäten als fest und unveränderlich dargestellt werden und Hierarchien zwischen den Gruppen als natürlich oder verdient erscheinen. Verhalten wird nicht situativ, sondern wesenhaft erklärt („die sind eben so“).4 Das reduziert Unsicherheit und macht die Welt übersichtlicher.5
(3) Partikulares Rechtsverständnis: Aus der Essenzialisierung kann ein Rechtsverständnis folgen, in dem Recht als Werkzeug zugunsten der privilegierten Gruppe gedacht wird. Rechte werden an Zugehörigkeit, „Natürlichkeit“ oder Eigentum gekoppelt. Der Anspruch auf Gleichheit vor dem Recht verliert damit Gewicht. Durch jene Partikularisierung werden die eigene moralische Ordnung und die Abgrenzung zu jenen, die nicht dazugehören, stabilisiert. Ungleichheit wird somit nicht als Problem, sondern als legitime Ordnung gedeutet und resultierende Hierarchien werden moralisch abgesichert.6
(4) Manichäische Krisenkognition: Diese Struktur deutet soziale Realität als Dauerkrise: Krise ist nicht Ausnahme, sondern Grundmodus. Aufbauend auf Freund-Feind und moralischer Aufladung werden Zufall, Nebenfolgen und Komplexität zugunsten eines „Plans“ im Hintergrund ausgeblendet. Radikalisierung, Tabubruch und der ‚Ausbruch aus dem Status quo‘ erscheinen so als notwendiger Widerstand. Einfache Erklärungen reduzieren so Unsicherheit und Ambiguität und können sich als Selbstermächtigung anfühlen, „endlich alles zu durchschauen“.7
Warum das wichtig ist
Wer Denkstrukturen verschiebt, verändert langfristig auch die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten unseres sozialen und politischen Miteinanders, wie jüngst der neurechte Autor Benedikt Kaiser bekräftigte. Antiliberale Akteur:innen setzen deshalb nicht nur auf Inhalte, sondern auf die „Brillen“, durch die Menschen die Welt sehen: Feinde, Reinheit, Hierarchie, Dauerkrise. So werden unterschiedliche Arenen untereinander anschlussfähig: von Manosphere-naher Fitness- und Männlichkeitssemantik über rechtslibertäre Finanz- und Kryptocommunities bis hin zu rechtsextremen Feindbild- und Homogenitätsnarrativen. Die Inhalte variieren, die zugrunde liegenden Denkstrukturen bleiben gleich.
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1 Die nachfolgenden Denkstrukturen sind aus den Erkenntnissen von Ruppert-Karakas, Sascha 2024: Die Politik des Antagonismus: Zur Dynamik autoritärer Lebenswelt in Assads Syrien, Berlin abgeleitet und um sozialpsychologische Erkenntnisse von Matern, Stefan 2023: Edward L. Bernays‘ Propagandatheorie. Vom Kampf um Wirklichkeiten und Emotionen in der liberalen Demokratie, Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich ergänzt.
2 Tajfel, Henri / Turner, John C. 1979: An Integrative Theory of Intergroup Conflict, in: William G. Austin / Stephen Worchel (Hrsg.), The Social Psychology of Intergroup Relations, Monterey: Brooks/Cole, S. 33–37.
3 Kruglanski, Arie W. 1989: Lay Epistemics and Human Knowledge: Cognitive and Motivational Bases, New York: Plenum Pr.
4 Haslam, Nick & Jennifer Whelan. 2008: Human natures: Psychological essentialism in thinking about differences between people, in: Social and Personality Psychology Compass, Vol. 2, S. 1297-1312.
5 Tversky, Amos & Daniel Kahneman. 1974: Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases: Biases in judgments reveal some heuristics of thinking under uncertainty, in: Science Vol. 185, S. 1124-1131.
6 Jost, John T. 2019: A Theory of System Justification, Cambridge, MA: Harvard University Press.
7 van Prooijen, J.-W. (2023). Feelings of Insecurity as a Driver of Anti-Establishment Sentiments. In J. P. Forgas, W. D. Crano, & K. Fiedler (Eds.), The Psychology of Insecurity. Seeking Certainty Where None Can Be Found. (pp. 368–388). Routledge, Taylor & Francis Group. Douglas, Karen M., Uscinski, Joseph E., Sutton, Robbie M., Cichocka, Aleksandra, Nefes, Turkay, Ang, Chee Siang & Farzin Deravi (2019): Understanding conspiracy theories, in: Political Psychology, Vol. 40, S. 3–35.
Über die Gastautoren
Dr. Stefan Matern
Dr. Stefan Matern ist akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Politische Theorie des Geschwister-Scholl-Instituts für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Demokratietheorie, Propaganda und Rechtspopulismus, mit besonderem Augenmerk auf sozialpsychologische Bezüge.
Dr. Sascha Ruppert-Karakas
Dr. Sascha Ruppert-Karakas ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie des Geschwister-Scholl-Instituts für Politikwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Schwerpunkt in der Forschung und Lehre sind Autoritarismus, Extremismus und Gewalt, mit besonderem empirischem Augenmerk auf Syrien und der Neuen Rechten in Deutschland.