
Im digitalen Wahlkampf der AfD dominieren aktuell Influencer:innen-Inszenierung: authentisch, nah, mit viel guter Laune. Sie funktioniert vor dem Hintergrund von Krise und Untergang, wie ein Blick nach Sachsen-Anhalt und Berlin zeigt.
Jubel, Stolz und Hoffnung. Die freundliche TikTok-Agitation von Ulrich „Sonnenschein“ Siegmund ist vielfach besprochen. Menschen strahlen, umarmen sich, ein Haus leuchtet in Schwarz-Rot-Gold. In täglichen Kurzclips inszeniert „Uli“ Wahlveranstaltungen als Familienfeste und Riesenerfolg – er ist das freundliche Gesicht des Rechtsextremismus, das Gemeinschaft im Deutschlandfahnenmeer positiv erlebbar macht. „Was früher undenkbar war, ist heute das Normalste geworden.“, strahlt er in die Kamera.
Beim Handwerken mit Bohrer und Malerpinsel gibt er den bodenständigen Macher, am Infostand den verständnisvollen Vater. Der Werbejingle dazu: Nostalgie, Aufbruch, Nationalismus. Doch die gute Laune ersetzt die Feindbilder nicht, wie der Vergleich mit Berlins Spitzenkandidatin Kristin Brinker zeigt.
Die Malaise hinter der guten Laune
In ihrer Autoritarismusstudie Falsche Propheten1 analysierten Leo Löwenthal und Norbert Guterman Strategien und Tricks faschistischer Agitator:innen, die bis heute wirkmächtig sind. Entscheidend ist weniger das Was, als das Wie: Dabei steht die sozialpsychologische Wirkung der Agitation im Zentrum. Sie mobilisiert Affekte und schafft Identifikations- und Beziehungsangebote.2
Ihr Ausgangspunkt ist die gesellschaftlich erzeugte Unzufriedenheit, die „soziale Malaise“ – individuelles Leid, das in gesellschaftlichen Strukturen begründet ist. Feindbildkonstruktionen und Schuldzuweisungen machen Verantwortliche aus: Parteien, Institutionen, Medien oder Minderheiten. Selbstviktimisierung schafft zugleich Zugehörigkeit und vermeintliche Handlungsfähigkeit. Diese Muster zeigen sich bis heute: Extrem rechte Influencer:innen stellen dabei ihr Selbstportrait in den Vordergrund, erzeugen damit Nähe und Authentizität. Sie übersetzen autoritäre Agitation in die Logiken digitaler Plattformen – eine Form des „digitalen Autoritarismus“.
Uli ganz nah dran
Ulrich Siegmund ist dafür ein Paradebeispiel. Uli auf dem Trecker, Uli am Gartenzaun im Gespräch mit den einfachen Leuten. Nahbarkeit erzeugt Augenhöhe und Glaubwürdigkeit – ein Trick altbekannter Falscher Propheten. Die Social-Media-Ästhetik ist energetisch, optimistisch und ganz nah dran.
Besonders viral gehen die Videos seiner Simson-Ausfahrten, bei denen Follower:innen hoffen können, das eigene Gesicht zu erhaschen. Q&A (Question & Answer-Videos) zeigen Nähe und Dialogbereitschaft, Programmerklärungen inszenieren Kompetenz – ganz entspannt im Garten. Die „häusliche Intimsphäre“ erzeugt Nahbarkeit und Vertrauen, wie es bereits in den Autoritarismusstudien heißt.

Familie, Gemeinschaft, Zukunft, Erfolg und jede Menge lachende Gesichter lassen das AfD-Programm wie einen Sonntagsausflug wirken. Doch dahinter bleiben die klassischen Agitationsmuster: Linke und NGOs werden als „Krawalltouristen“ abgestempelt und die öffentlichen Medien als Zentrum der Desinformation dargestellt. Politische Gegner:innen werden als „Faulenzer“ diffamiert, die die Bürger:innen bevormunden.
Die Malaise verschwindet nicht. Sie erhält nur eine lächelnde Maske: Dem vermeintlich untergehenden Land steht die patriotische Gemeinschaft gegenüber, die es wieder „auf die Füße“ stellen werde.
Brinker: Seite an Seite für mehr Reichweite
Auf den ersten Blick ähneln sich die TikTok-Kanäle der Spitzenkandidat:innen aus Sachsen-Anhalt und Berlin. Auf den Vorschaubildern wirkt Kristin Brinker freundlich und locker, die weiß-roten Titel suggerieren Dinglichkeit und Professionalität.

Beim genaueren Hinsehen wirkt das Lächeln mitunter aber leicht verbissen, die spontanen Selfie-Videos holprig und bemüht locker. Zusammen mit Uli posiert Brinker vor der Siegessäule oder dem Brandenburger Tor: „Seid stolz!“ Stolz auf Kultur, Geschichte, Deutschland – das ist die Vision 2026. Wie bei Siegmund rücken politische Themen in den Hintergrund: Gemeinschaft, Deutschland, Erfolg und Siegesgewissheit dominieren.
Doch Brinkers Kanal ist weniger aktiv, Storytelling, Influencer-Inszenierung und eigene Reichweite sind hier schwächer. Zugkraft entwickeln vor allem Videos mit Alice Weidel, Siegmund und anderer Parteiprominenz. Sie mobilisieren für Brinker und inszenieren sie als Teil einer wachsenden Bewegung: „Wir halten zusammen“.
Auch der TikTok-Kanal der AfD Berlin ist schwach bespielt. Sechs der aktuellen Clips (Stand: 22.08.2026) bewerben dieselbe Wahlveranstaltung: Männer in Hemd oder Anzug feiern die „geile“ Wahlveranstaltung vor dem Roten Rathaus – die Stimmung sei „Bombe“. Gleichzeitig wird der Gegenprotest von Linken und Antifa lächerlich gemacht; aber vor allem die CDU sei für fehlende Sicherheit und „LGBTQ-Propaganda“ verantwortlich.
Auch hier zeigt sich ein Trick Falscher Propheten: Die Gegner:innen werden klein gemacht, die Eigengruppe aufgewertet. Auf Abwertung folgen Euphorie, Überlegenheit und Zugehörigkeit – der Erfolg erscheint bereits sinnlich erfahrbar.
Brinker auf X: Betrug und Untergang
Auf X ist Brinker deutlich beständiger, ihre Beiträge sind politischer und konfliktorientierter. Statt Wahlkampfalltag und Gemeinschaft stehen politisches Versagen und Untergang im Mittelpunkt.
Im August dominieren in ihren rund 25 Posts (Stand: 22.08.2026) vor allem Krise und Bedrohung. Berlin erscheint als dysfunktional, Behörden und Sicherheit versagen, verantwortlich seien CDU und das „linke Establishment“. Migration und Islamismus bilden dabei die Bedrohung von außen. Ceuta, der Anschlag beim CSD, eine Clan-Schießerei in Charlottenburg und der „Sozialismus“ werden zu Symptomen eines umfassenden Untergangs. Entsprechend Löwenthals „Scharade des Untergangs“ werden Angst und Schauder erzeugt.
Ein weiteres Muster ist die Opfer-Inszenierung als „verfolgte Unschuld“: Angriffe auf Wahlhelfer:innen, ein Bundesrat, der sich gegen die AfD „wappne“, oder Verbotsforderungen fügen sich zum Bild einer systematisch bekämpften Partei. Die AfD wird zum Opfer und zur Anwältin der vermeintlich „ewig Betrogenen“. Bedrohung und Wut werden in Trotz und Siegesgewissheit übersetzt.
Daran schließt noch der „Letzte-Stunde-Trick“ an: Der Niedergang erscheint fortgeschritten, aber noch umkehrbar – wenn die Menschen jetzt „Mut zur Wahrheit“ zeigen, wie Siegmund betont, und die Alternative wählen. Noch ist Zeit, vor dem Untergang auf die „richtige“ Seite zu wechseln.
Während Brinker also auf X klassische agitatorische Muster unvermittelt über Krise, Feindbilder und Selbstviktimisierung organisiert, bettet Siegmund sie auf TikTok in positive Affekte ein. Gemeinschaft, Optimismus und Siegesgewissheit überlagern die Malaise, ohne sie aufzulösen
Von der „Malaise“ zur strahlenden Vision
TikTok ist damit nicht einfach „freundlicher“: Die Agitation verändert ihre affektive Verpackung. Brinker zeigt auf X Krise, Bedrohung und Staatsversagen; bei Siegmund bleiben sie als Hintergrundnarrative präsent. Er präsentiert dafür permanent die vermeintliche Lösung: Familienfest, Simson-Ausfahrt, Bürger, Fahnen – eine attraktive Gemeinschaft, die scheinbar schon existiert.
Der digitale Agitator muss nicht permanent Untergang verkünden. Er kann auch lächeln, bürgernah Fragen beantworten und für Familie und Volk werben – solange klar bleibt, wer das Land beschädigt hat und wer zu jener Gemeinschaft gehört, die es wieder in Ordnung bringen soll. Doch auch diese freundliche Agitation braucht ihre Feinde. Die Bedrohung muss bestehen, der Untergang weiter drohen – denn auch das freundliche Gesicht des autoritären Agitators braucht seine Gegner:innen und Feinde.
1 Löwenthal, Leo; Guterman, Norbert (1949/2017): Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation. In: Dubiel, Helmut (Hrsg.): Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus. Gesammelte Schriften, Bd. 3. Berlin: Suhrkamp.
2 Adorno, Theodor W. (1951b/1970): Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda. In: Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse, Jg. 24, H. 7, S. 486-508.