Der Handel mit gefälschten Impfpässen auf Telegram

Bereits im Mai 2021 berichteten CeMAS und auch Report Mainz über die Gefahr von gefälschten Impfpässen, welche auf Telegram verkauft werden. Aufgrund der zunehmenden Maßnahmen mit Einschränkungen von Personen ohne Impf- oder Genesenennachweis stieg die Relevanz dieses Themas in den vergangenen Wochen und Monaten erneut: Der Kauf von Impfpässen auf Telegram floriert (wieder).

Eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter den 16 Landeskriminalämtern ergab, dass derzeit mindestens 3.100 Ermittlungsverfahren wegen gefälschter Impfzertifikate laufen. Von einem massiven Anstieg gefälschter Nachweise berichtet der bayerische Innenminister Hermann gegenüber der Süddeutschen Zeitung: Bayernweit wurden bis Ende November 1.780 Fälle aufgenommen, Anfang September lag die Anzahl der Fälle noch bei 110.

Dabei war bis vor kurzem noch nicht klar, ob der Gebrauch gefälschter Impfpässe überhaupt einen Straftatbestand darstelle – inzwischen wurde hier per Gesetz hier Klarheit geschaffen: Nicht nur der Handel, sondern auch die Nutzung gefälschter Nachweise ist strafbar. Die Anzahl der Ermittlungen der Polizei lieft allerdings noch keine Aussage darüber, wie hoch der Anteil an gefälschten Impfzertifikaten wirklich ist. Die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus.

Das Angebot solcher Fälschungen ist besonders auf einer Plattform hoch: Telegram. Hier finden sich mit Schlagworten und Empfehlungen in verschwörungsideologischen Gruppen schnell zahlreiche Kanäle, welche gefälschte Impfpässe samt QR-Codes mit Preisen von 75 bis 300 Euro anbieten. Die Größe der Kanäle ist erschreckend – der derzeit größte Kanal erreicht knapp 250.000 Abonnent:innen. Jedoch müssen Zahlen wie diese mit Vorsicht betrachtet werden: Der Handel auf Telegram ist stark umkämpft. Die Abonnent:innen werden nicht selten durch Zukäufe künstlich in die Höhe getrieben.

Nicht nur Impfpässe sondern auch Abonnent:innenzahlen werden gefälscht

Telegram begrenzt seine globale Suche auf maximal drei Suchergebnisse für eingegebene Schlagworte – das Ranking der drei Suchergebnisse wird unter anderem durch die Anzahl der Abonnent:innen beinflusst: Vermeintlich große Kanäle werden als erstes angezeigt. Entsprechend lohnt es sich, sich eine große Reichweite zu erkaufen. Es finden sich zahlreiche Angebote für solche Zukäufe im Netz. Allerdings kann diese künstlich erkaufte Reichweite auch erkannt werden.

Abonnent:innenentwicklung eines mittlerweile gelöschten Kanals mit Angeboten für gefälschte Impfpässe auf Telegram

Am Beispiel eines Kanals mit zeitweise über 150.000 vermeintlichen Abonnent:innen zeigt sich, dass die Zahlen sehr schnell nach einem Zukauf wieder abflachen. Zum einen, weil Telegram Accounts löscht, welche auffällig oft und in sehr kurzer Zeit Kanäle abonnieren. Zum anderen, weil die so gekauften Nutzer:innenprofile oft schnell wieder weiterverkauft werden und andere Kanäle abonnieren (pro Account lässt Telegram 500 Abonnements zu). Nicht nur das Suchranking wird durch eine große Anzahl vermeintlicher Abos beeinflusst: Auch Nutzer:innen soll suggeriert werden, dass es sich um ein vermeintlich seriöses Angebot handelt.

Um zu ermitteln, wie viele „natürliche“ Leser:innen einen Kanal abonniert haben, kann eine andere Metrik herangezogen werden: Jede öffentliche Nachricht wird auf Telegram mit einer Zahl versehen, welche Auskunft darüber gibt, wie häufig die Nachricht aufgerufen wurde. Die sogenannten „Views“.

Es ist zwar auch möglich, diese Zahlen zu manipulieren – allerdings ist das deutlich aufwendiger (und auch diese Manipulation kann aufgedeckt werden). Über die durchschnittlichen Views auf Nachrichten eines Kanals lässt sich ermitteln, wie viele Nutzer:innen tatsächlich den Kanal aufgerufen und Nachrichten gelesen haben.

Screenshot eines Telegram-Beitrags mit Werbung für gefälschte Impfpässe. Der Kanalname ist geblurred. Die Anzahl der Aufrufe auf die Nachricht beträgt etwa 38.000. Die Nachricht wurde im Mai eingestellt.
Reichweitenstärkste Werbung zu gefälschten Impfpässen mit ca. 38.600 Aufrufen (Views)

Die drei reichweitenstärksten Kanäle mit Angeboten zu gefälschten Zertifikaten erreichen nach unserer Analyse durchschnittlich zwischen 20.000 und 27.000 Aufrufe. Insgesamt finden wir durch Schlagworte und Empfehlungen über 30 Kanäle, welche vermeintlich gefälschte Impfpässe verkaufen – denn häufig wird auch beim Verkauf der Impfpässe betrogen. Die Kund:innen bezahlen die erhoffte Ware, erhalten aber auch nach Wochen kein Zertifikat.

Weil der Anteil solcher Betrüger:innen unter den Betrüger:innen sehr hoch ist, finden sich zahlreiche Gruppen, in denen der Erfolg oder Misserfolg solcher Käufe diskutiert und dokumentiert wird.

Screenshot einer Nachricht aus einer Gruppe. Geschrieben von Peter: Hallo Brauche eure hilfe. Mein Arbeitgeber möchte das ich mich impfen lasse . Und er möchte dann auch einen Beweis sehen. Kommt es blöd wenn ich zu meinem Arbeitgeber sage ich habe jetzt alles. Und gut ist es. Dann sieht er das Datum von September Dann kann er denken was er will. Oder grabe ich mir da selbst ein Loch wo ich nicht mehr heraus komme ??????habe meinen zwar noch nicht bekommen.
Auszug eines Beitrags in einer Gruppe zu gefälschten Impfpässen mit Problemen der Fälschung

Wie groß ist das Problem mit gefälschten Impfpässen wirklich?

Mit der zunehmenden Relevanz von Impfnachweisen im Alltag der Menschen durch 2G und 3G nimmt erwartbar auch die Diskussion zu Impfpässen auf Telegram zu. In den von CeMAS beobachteten deutschsprachigen verschwörungsideologischen und rechtsextremen Gruppen und Kanälen spielt das Thema zunehmend eine größere Rolle.

Anzahl der Nachrichten pro Tag zum Thema Impfausweis (enthält die Schlagwörter Impfpass Impfausweis Impfpässe oder Impfzertifikat)

Insbesondere mit der Debatte und Entscheidung über eine (berufsbezogene) Impfplicht wird das Thema weiterhin relevant bleiben. Betrachtet man nur die Anzahl der Nachrichten in Gruppen, in denen eindeutig gefälschte Impfpässe beworben werden, stellt man fest, dass vor allem in den letzten Tagen die Beiträge wieder deutlich zunehmen.

Anzahl der Nachrichten pro Tag in Gruppen, in denen Impfausweise verkauft werden

Insgesamt konnten wir für den gesamten Zeitraum der Pandemie alleine in den Gruppen, in denen gefälschte Impfpässe angeboten werden, 26.696 Nutzer:innenprofile finden welche in diesen Gruppen aktiv waren oder sind. Für Kanäle kann die Anzahl der Nutzer:innen aus den Eingangs genannten Gründen nicht genau beziffert werden, aber auch hier kann davon ausgegangen werden, dass Nachrichten aus solchen Kanälen mehr als 20.000 Aufrufe erreichen. Die Abwicklung der Käufe läuft übrigens oft in privaten Chats mit den Kanal und Gruppenbetreibern – siehe hierzu den ebenfalls heute erschienenen Artikel des Nachrichtenportals Belltower.

Telegram – Darknet für die Hosentasche

Nicht nur der Handel von Impfzertifikaten ist auf Telegram verbreitet – auch zahlreiche weitere illegale Angebote sind dort zu finden. Beispielsweise der Kauf von Waffen oder Drogen.
Scam-Angebote – also Angebote, bei denen Nutzer:innen um ihr Geld betrogen werden, aber niemals ein Produkt erhalten – werden bei Telegram nach Meldung immerhin gelöscht. Telegram hat also durchaus Möglichkeiten, illegale Angebote wie gefälschte Impfpässe zu verhindern, macht davon bisher aber keinen Gebrauch.

Zwar finden sich nicht nur auf Telegram solche Angebote, auch auf Instagram konnten wir mit Suche nach Schlagworten und Verlinkungen in kurzer Zeit 22 Profile finden, welche Impfpassfälschungen anboten – allerdings sind 20 dieser Profile bereits gelöscht. Die Anzahl der Follower:innen bewegte sich im zwei- bis maximal dreistelligen Bereich. Zum Kauf verlinkten einige der Profile auf Telegram: Was die Relevanz von Telegram in diesem Bereich abermals bestätigt.

Es ist zu erwarten, dass mit Ausweitung der 2G- und 3G-Regeln sowie zunehmender Einschränkungen für Personen ohne Impf- oder Genesenennachweis die Nachfrage an gefälschten Zertifikaten weiter zunehmen – und Telegram diese gerne bedienen wird.

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