Krieg im Nahen Osten als Katalysator für Antisemitismus

Autor:innen: Lisa Johanne Jacobs, Corinne Heuer

Der aktuelle Krieg in Nahost dient erneut als Anlass für eine gefährliche Dynamik, die weit über die Region selbst hinausreicht. Während die militärische Eskalation die öffentliche Aufmerksamkeit auf Israel, Iran, Gaza und die angrenzenden Staaten richtet, häufen sich zugleich antisemitische Angriffe auf Synagogen, jüdische Einrichtungen und Einzelpersonen in Europa und Nordamerika. Der Krieg in Nahost wird häufig vorschnell als ursächlich für solche Taten gedeutet. Tatsächlich wirken kriegerische Auseinandersetzungen unter Beteiligung Israels jedoch nicht als Ursache, sondern als Katalysator für israelbezogenen Antisemitismus, durch den bestehende antisemitische Feindbilder aktualisiert, legitimiert und in Gewalt übersetzt werden.

Israelbezogener Antisemitismus knüpft an tief tradierte Imaginationen und Ressentiments an, die Jüdinnen und Juden weltweit mit dem Handeln des Staates Israel identifizieren und kollektiv dafür verantwortlich machen. Dass die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland nach dem antisemitischen Terroranschlag des 7. Oktobers 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza massiv angestiegen ist, verweist auf genau diese Dynamik: Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus dokumentierte für das Jahr 2024 bundesweit 8.627 antisemitische Vorfälle und damit einen Anstieg um fast 77 Prozent gegenüber 2023. Die bundesweiten Fallzahlen zur politisch motivierten Kriminalität, die jährlich gemeinsam vom Bundesministerium des Innern und dem Bundeskriminalamt präsentiert werden, zeigen ebenfalls eine Zunahme antisemitischer Delikte im Bereich der Hasskriminalität. Im „Unterthemenfeld antisemitisch” wurden für das Jahr 2024 insgesamt 6.236 Straftaten erfasst, eine Steigerung von knapp 21 Prozent gegenüber 2023.

Zahlreiche Anschläge weltweit

Wie unmittelbar sich solche Eskalationen auch jenseits der Region niederschlagen können, zeigte sich nach dem Angriff der USA und Israels auf die Islamische Republik Iran in einer Reihe mutmaßlich antisemitischer Anschläge. Zwischen dem 2. und 7. März wurde im Großraum Toronto in drei Fällen auf Synagogen geschossen. Am 9. März wurde vor einer Synagoge im belgischen Lüttich ein Sprengsatz gezündet, am 12. März fuhr ein Mann im US-Bundesstaat Michigan bewaffnet mit einem Fahrzeug in eine Synagoge, in der sich zu diesem Zeitpunkt 140 Kinder befanden. In den darauffolgenden Tagen kam es in den Niederlanden zu zwei weiteren Taten. Am 13. März wurde vor einer Synagoge in Rotterdam ein Brand gelegt, am 14. März ereignete sich eine Explosion vor einer jüdischen Schule in Amsterdam. Auch wenn die Hintergründe der einzelnen Fälle noch nicht in allen Punkten abschließend geklärt sind, verweist die Häufung der Angriffe auf jüdische Einrichtungen in verschiedenen Ländern auf eine transnationale Bedrohungslage. Die geografische Verstreuung der Tatorte macht deutlich, dass jüdisches Leben weltweit zur Zielscheibe wird, wenn antisemitische Feindbilder im Kontext des Nahostkriegs neue Legitimation und neue Anlässe zur Gewaltausübung erhalten.

Digitale Plattformen als zentrale Distributionsräume

Diese Eskalation von Antisemitismus zeigt sich auch im Netz. Digitale Plattformen fungieren als zentrale Distributionsräume für israelbezogenen Antisemitismus, weil sie die schnelle Verbreitung vereinfachender Schuldzuschreibungen, dämonisierender Bilder und antisemitischer Verschwörungsnarrative begünstigen. In einer durch starke Beschleunigung geprägten Öffentlichkeit wächst die Bedeutung von Social Media gerade in Breaking-News-Situationen, in denen Unsicherheit und hoher Aktualitätsdruck die öffentliche Kommunikation prägen. Soziale Medien werden dann häufig zur unmittelbaren Informationsquelle, sodass vereinfachende Deutungen und ungeprüfte Informationen schnell verbreitet werden können. Nach journalistischen Standards arbeitende Medien müssen die Informationen hingegen zunächst verifizieren, kontextualisieren und redaktionell einordnen. Diese Verschiebung ist auch vor dem Hintergrund einer anhaltenden Schwächung journalistischer Medien und eines in Teilen schwindenden Vertrauens in etablierte Informationsinstanzen von Bedeutung. Die reichweitenstarke Verbreitung auch antisemitischer Inhalte im Kriegskontext kann so an Deutungsmacht gewinnen. Der Krieg wirkt in diesem Zusammenhang nicht nur als politischer Bezugspunkt, sondern auch als kommunikativer Verstärker, über den antisemitische Inhalte sichtbarer, anschlussfähiger und potenziell handlungsleitend werden.

Ein Instagram-Reel veranschaulicht zentrale Mechanismen des israelbezogenen Antisemitismus, indem die adressierten Personen über ihre zugeschriebene israelische Identität kollektiviert und zum Objekt pauschaler Feindmarkierung gemacht werden. Die Screenshots aus dem Videobeitrag zeigen ein Gespräch zwischen zwei Frauen und zwei Männern, die sich den Filmenden als Israelis vorstellen. Die Aussagen der Frauengegenüber den beiden Israelis operieren mit Dämonisierung, Täter-Opfer-Umkehr und einer strategischen Mobilisierung von NS- und Holocaust-Bezügen. Damit wird nicht politisches Handeln konkret kritisiert, sondern die angesprochenen Personen werden als moralisch absolut böse und grundsätzlich unmenschlich konstruiert.

Abbildung 1: Sequenzen aus einem Instagram-Reel, in denen Israelis mit antisemitischen Aussagen konfrontiert werden.
Abbildung 1: Sequenzen aus einem Instagram-Reel, in denen Israelis mit antisemitischen Aussagen konfrontiert werden.

Dass der Beitrag auf Instagram 87,3 Tausend Likes erhalten hat und mehr als zehntausend Mal in Stories geteilt und gerepostet wurde, zeigt das erhebliche Reichweitenpotenzial: Bei israelbezogenen antisemitischen Inhalten handelt es sich häufig nicht um „nischige“ Online-Kommunikation, sondern um Inhalte, die innerhalb digitaler Öffentlichkeiten breite Sichtbarkeit, Interaktion und Weiterverbreitung erfahren.

Zugleich ist israelbezogener Antisemitismus auf kein einzelnes politisches Milieu begrenzt. Er findet sich bei islamistischen Akteur:innen ebenso wie in rechtsextremen Zusammenhängen und Teilen der Linken.

Antisemitische Symboliken, Chiffren und Codes

Innerhalb der extremen Rechten zeigen sich häufig verschwörungsideologische Ausprägungen israelbezogener antisemitischer Deutungsmuster.

Abbildung 2: Posts auf X, als Reaktionen auf die Angriffe gegen den Iran, in denen antisemitische Chiffren zur Weltbeherrschung bedient werden.
Abbildung 2: Posts auf X, als Reaktionen auf die Angriffe gegen den Iran, in denen antisemitische Chiffren zur Weltbeherrschung bedient werden.

Chiffren wie „Epstein-Imperium“, „Endzeit-Zionisten“ oder „Israel-Lobby“ aktualisieren dabei klassische antisemitische Imaginationen von übersteigerter Macht in Verbindung mit destruktiver und geheimer Weltsteuerung, ohne dass sie sich als explizite Judenfeindschaft ausweisen. Gerade diese camouflierten Formen erhöhen die Anschlussfähigkeit von Antisemitismus in digitalen Öffentlichkeiten. Immer wieder tritt er dabei auch als Glorifizierung oder Rechtfertigung von Gewalt gegen Israel in Erscheinung.

Abbildung 3: Video-Beiträge auf der Plattform UpScrolled, in denen Gewalt gegen Israel durch den Iran glorifiziert wird.
Abbildung 3: Video-Beiträge auf der Plattform UpScrolled, in denen Gewalt gegen Israel durch den Iran glorifiziert wird.

Wird die Unterstützung iranischer Angriffe durch einen Hamas-Sprecher als Fortsetzung der „Al Aqsa Flood“ inszeniert oder ein Bombeneinschlag in Tel Aviv mit offener Häme kommentiert, dann handelt es sich nicht um politische Kritik, sondern um die propagandistische Normalisierung von Gewalt. Gerade online bieten sich Antisemit:innen hierzu vielfache Möglichkeiten, Symboliken, Chiffren und codierte Formen einzusetzen, um israelbezogenen Antisemitismus zu artikulieren:

Abbildung 4: In beiden Bildern soll Israel vernichtet werden: In der Gleichsetzung Israels mit einem Insekt, das zertreten wird von Palästina, und in der Feindmarkierung Israels mit dem roten Dreieck.
Abbildung 4: In beiden Bildern soll Israel vernichtet werden: In der Gleichsetzung Israels mit einem Insekt, das zertreten wird von Palästina, und in der Feindmarkierung Israels mit dem roten Dreieck.

Die Darstellung eines mit der israelischen Flagge markierten Insekts nutzt eine entmenschlichende Symbolik, während die Referenz auf das invertierte rote Dreieck eine visuelle Chiffre aufgreift, die in (digitalen) Teilöffentlichkeiten als Zustimmungssignal zur Vernichtung Israels und Feindmarkierung gegenüber Jüdinnen und Juden oder „Zionist:innen“ fungieren kann. Die Verwendung solcher codierter Bildsprache bleibt oft hinreichend ambivalent, um Anschlussfähigkeit und Distanzierungsfenster zugleich zu ermöglichen. Doch gerade darin liegt ihre kommunikative Wirkmacht: Komplexe politische Zusammenhänge werden auf lesbare visuelle Codes reduziert, die emotionalisieren, Gewalt symbolisch normalisieren und sich gerade deshalb besonders leicht digital verbreiten lassen.

Die „Israelisierung der antisemitischen Semantik“

So unterschiedlich diese Milieus in ihren politischen Selbstverständnissen sind, im Hass auf Israel können sie einen gemeinsamen Bezugspunkt finden. Gerade diese ideologische Anschlussfähigkeit macht israelbezogenen Antisemitismus für Jüdinnen und Juden zu einem alltagsprägenden Phänomen: Er ist die gegenwärtig virulenteste Erscheinungsform des Antisemitismus. Die Antisemitismusforscherin und Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel hat hierfür den Begriff der „Israelisierung der antisemitischen Semantik“ geprägt. Er verweist darauf, dass die Stereotype des klassischen und des Post-Holocaust-Antisemitismus auf Israel übertragen und dort in aktualisierter Form reproduziert werden.

Der Krieg in Nahost ist nicht die Ursache für israelbezogenen Antisemitismus. Kriegerische Konflikte unter Beteiligung Israels und ihre diskursive Verhandlung in digitalen Räumen tragen indes zur Sichtbarkeit, Aktualisierung und Verstärkung von Antisemitismus bei. Anders als politische Kritik an einem militärischen Vorgehen Israels oder seiner Regierungspolitik wird Antisemitismus in seinen israelbezogenen Deutungsmustern jedoch als vermeintliche Kritik getarnt und erfährt dabei weniger Widerspruch als Artikulationen des klassischen Antisemitismus – und hat damit auch tausende Kilometer vom Nahen Osten entfernt direkte Auswirkungen auf die Sicherheit von Jüdinnen und Juden weltweit.

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