Libertärer Autoritarismus: Eine Brücke in den Rechtsextremismus

Autor:innen: Eva Groß, Amelie Nickel, Ilka Kammigan

Zwischen Freiheitsversprechen und Demokratiegefahr: Libertär-autoritäre Ideen machen sich in der Mitte der Gesellschaft breit – und können rechtsextreme Positionen anschlussfähig machen. Die aktuelle Mitte-Studie zeigt, wie Marktdenken, Autoritarismus und Entsolidarisierung zusammenwirken.

Wenn Freiheit gegen Andere gerichtet wird

Radikale Freiheitsversprechen sind heute oft mehr als nur Kritik am Staat. Hinter libertär-autoritären Erzählungen steckt ein Politikstil, der individuelle Freiheit absolut setzt, gesellschaftliche Solidarität abwertet und demokratische Regeln zunehmend als Hindernis betrachtet. Freiheit erscheint dabei nicht als etwas, das für alle gilt und politisch ausgehandelt werden muss, sondern als Besitz des Einzelnen, den es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt – möglichst ohne Rücksicht auf Andere1.

Dass solche Denkweisen nicht nur in den USA, sondern auch hier in Deutschland auf Resonanz stoßen, zeigte sich beispielsweise auf dem Afuera Sommerfest 2025. Unter dem Banner der Freiheit versammelten sich dort AfD-Politiker, Crypto-Unternehmer und weitere rechte Akteur:innen, mobilisierten gegen „staatliche Bevormundung“ und markierten progressive oder emanzipatorische Anliegen als freiheitsfeindlich.

Darin zeigt sich eine Denkweise, in der Gleichstellung, Minderheitenschutz oder staatliche Regulierung pauschal als Bedrohung der „freien Meinungsäußerung“ dargestellt werden. Gerade prominente Tech-Unternehmer und politische Akteur:innen tragen dazu bei, solche Deutungen öffentlich aufzuwerten. Libertären Autoritarismus fassen wir entsprechend als eine Verbindung aus marktradikalen und autoritären Vorstellungen, die am Ende gegen demokratische Teilhabe und gleiche Rechte gerichtet sein kann.

Das steckt dahinter

Im Zentrum steht ein Menschenbild, das Konkurrenz über Solidarität stellt. Wer erfolgreich ist, gilt als leistungsfähig; wer scheitert, soll vor allem selbst verantwortlich sein. Gesellschaftliche Probleme werden so individualisiert und moralisiert. Armut, Ausgrenzung oder Benachteiligung erscheinen nicht mehr als strukturelle Probleme, die politisch bearbeitet werden können, sondern als Folge persönlichen Versagens. Genau darin liegt die Nähe zu menschenfeindlichen Einstellungen: Das Individuum verantwortlich zu machen liefert Legitimationen für die Abwertung von Gruppen, die vermeintlich selbstverschuldet als „unproduktiv“ oder „belastend“ markiert werden, was zu deren weiteren Marginalisierung beiträgt.

Das Konzept der „Marktförmigkeit“ spielt hier eine zentrale Rolle: Das eigene Leben soll möglichst effizient, wettbewerbsfähig und verwertbar geführt werden. In Krisenzeiten kann dieses Denken besonders anfällig für autoritäre Angebote werden – etwa dann, wenn politische Härte, Abwertung Anderer und der Ruf nach einem starken Durchgreifen als legitime Antwort auf eigene (Status-)Unsicherheiten erscheinen. Hier zeigt sich das Paradox des meritokratischen Leistungsgedankens: Indem Solidarität mitdenjenigen aufgekündigt wird, die vermeintlich selbstverschuldet und daher zu Recht gesellschaftlich „unten“ stehen, wächst zugleich die Angst vor dem eigenen Abstieg – denn im Fall des Scheiterns hätte auch man selbst keinen Anspruch mehr auf Unterstützung. Libertärer Autoritarismus ist damit keine schrille Randidee, sondern eine Haltung, die sich modern, leistungsorientiert und scheinbar vernünftig geben kann.

Ein Viertel teilt libertär-autoritäre Einstellungen

Die empirischen Ergebnisse sind deutlich: Laut der für Deutschland repräsentativen Mitte-Studie aus dem Jahr 2025 vertritt rund ein Viertel der Befragten eine libertär-autoritäre politische Ideologie. Besonders hoch ist die Zustimmung unter Männern, älteren Menschen, Jüngeren zwischen 18 und 34 Jahren, Personen mit niedrigerer Schulbildung und Menschen, die sich politisch rechts verorten. Auffällig ist: Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland zeigen sich hier nicht.

Entscheidend ist aber vor allem, womit diese Haltung zusammengeht (siehe Abbildung). Unter libertär-autoritär Eingestellten ist der Anteil rechtsextremer Weltbilder deutlich höher als unter anderen Befragten. Auch die Billigung politischer Gewalt, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und illiberale Einstellungen treten in dieser Gruppe wesentlich häufiger auf als unter nicht libertär-autoritär Eingestellten. Hinzu kommt eine erhöhte Zustimmung zu der Vorstellung, man könne seine Meinung in Deutschland nicht frei sagen – ein Narrativ, das aus rechten und libertären Milieus seit Jahren offensiv bedient wird. Auch in der Klimapolitik zeigt sich dieses Muster: Maßnahmen zum Schutz des Gemeinwohls werden schneller als unzulässiger Eingriff in die eigene Freiheit gedeutet.

Umfrageergebnisse aus der Mitte-Studie 2025.
Umfrageergebnisse aus der Mitte-Studie 2025.

Die Brücke nach rechts

Libertärer Autoritarismus kann als Brückennarrativ wirken. Er macht rechtsextreme Einstellungen sagbarer, ohne dass sie immer offen rechtsextrem formuliert werden müssen. Das geschieht über ein Gefühl von vermeintlicher Normalität. Fast die Hälfte der rechtsextrem eingestellten Befragten meint zugleich, so zu denken wie „die meisten Menschen“. Diese selbst zugeschriebene Normalität stabilisiert Vorurteile – und der libertäre Autoritarismus liefert dafür als politische Ideologie eine modern klingende politische Erzählung.

Genau darin liegt seine gesellschaftliche Sprengkraft. Wer sich auf individuelle Freiheit, Leistung und Widerstand gegen „Bevormundung“ beruft, erscheint zunächst nicht zwingend antidemokratisch. Verbindet sich diese Erzählung jedoch mit der Abwertung von Minderheiten, der Ablehnung von Solidarität und einer Offenheit für autoritäre Politik, verschiebt sich die Grenze des Sagbaren. Rechtsextreme Haltungen werden nicht direkt übernommen, aber sie werden normalisiert, abgeschwächt und anschlussfähig gemacht. Libertärer Autoritarismus führt entsprechend als eine Art ideologische Brücke über die Grenze der gesellschaftspolitischen Unsagbarkeit hin zu rechtsextremen Positionen.

Warum uns das alle angeht

Für Zivilgesellschaft, Medien und Politik ist das eine ernste Warnung. Denn demokratische Gefahren entstehen nicht erst dort, wo offen autoritäre Programme verkündet werden. Sie wachsen auch dort, wo Solidarität abgewertet, demokratische Regeln als Fesseln verächtlich gemacht und aggressive Freiheitsrhetoriken gesellschaftsfähig werden. Gerade weil libertär-autoritäre Botschaften modern, technologieaffin und individualistisch daherkommen, wirken sie auf den ersten Blick harmlos und weit weg vom klassischen Rechtsextremismus.

Für Medien heißt das: Solche Positionen sollten nicht als „provokant“ oder „polarisierend“ beschrieben, sondern in ihrem demokratiegefährdenden Kern benannt werden. Für Politik und politische Bildung bedeutet es, Freiheitsbegriffe nicht kampflos jenen zu überlassen, die Freiheit gegen Gleichheit, Solidarität und Menschenwürde ausspielen. Und für zivilgesellschaftliche Organisationen zeigt die Analyse, dass Demokratieschutz heute auch heißt, subtilere Formen der Menschenfeindlichkeit und Entsolidarisierung sichtbar zu machen.

Diese neuen Erzählungen müssen gut beobachtet werden in ihrem demokratiegefährdenden Potential: Die Aufwertung von Markt und Macht in Kombination mit einer Abwertung von liberalen Demokratien und die Umdeutung von Freiheit in ein Recht der Stärkeren. Demokratischer Widerspruch muss hier früh ansetzen – in politischer Bildung, in journalistischer Einordnung und in einer öffentlichen Debatte, die Freiheit nicht gegen Gleichheit und Menschenwürde ausspielt, sondern zusammendenkt. Denn wo Freiheit nur noch für die eigenen Interessen gelten soll, ist der Weg ins Autoritäre nicht weit.2

1 Vgl. Amlinger, C., Nachtwey, O. (2022). Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Suhrkamp. Sowie vgl. Groß, E., Hövermann, A., Nickel, A. (2023). Entsicherte Marktförmigkeit als Treiber eines libertären Autoritarismus. In: Zick, A., Küpper, B, Mokros, N. (Hg.): Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23, Dietz, S. 243-256.

2 Siehe auch Levitsky, S., Ziblatt, D. (2024). Die Tyrannei der Minderheit. Warum die amerikanische Demokratie am Abgrund steht und was wir daraus lernen können. Deutsche Verlags-Anstalt.

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Grundlage:

Nickel, A., Groß, E., Kammigan, I. (2025). Libertär-autoritäre Versuchungen der Gegenwart – eine Brücke in den Rechtsextremismus? In: Zick, A., Küpper, B., Mokros, N., Eden, M. (Hg.): Die angespannte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/25, Dietz, S. 214 – 225.

Über die Gastautor:innen

Eva Groß ist Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule der Akademie der Polizei in Hamburg und in der Leitungsgruppe des Instituts für interdisziplinäre Kriminalitäts- und Sicherheitsforschung (HIKS). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Vorurteilsmotivierte Kriminalität (Hasskriminalität), Dunkelfeldforschung, empirische Polizeiforschung, Kriminalitätswahrnehmungen, die Ökonomisierung des Sozialen und Antisemitismus.

Amelie Nickel ist Soziologin. Seit 2024 forscht und lehrt Sie am Hamburger Institut für interdisziplinäre Kriminalitäts- und Sicherheitsforschung (HIKS), u.a. zu Rassismus und Diskriminierungserfahrungen im Kontakt mit und zu entsprechenden Einstellungen in der Polizei (Forschungsprojekte: RaDiPol / DeWePol). In ihrer Promotion beschäftigt Sie sich mit gesellschaftlichen und institutionellen Ökonomisierungsprozessen und deren politischen wie sozialen Auswirkungen.

Ilka Kammigan ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule der Akademie der Polizei Hamburg. Dort lehrt sie Methoden der quantitativen Sozialforschung und Kriminologie und forscht zu demokratiebezogenen Einstellungen in der Polizei sowie zu Rassismus und Diskriminierung im Polizeikontakt. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Methoden quantitativer Sozialforschung, Dunkelfeldforschung, Jugenddelinquenz sowie Polizei-, Vorurteils- und Diskriminierungsforschung.

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