CeMAS Research Paper: Der Fall „White Tiger“ verweist auf das transnationale Phänomen des Nihilistic Violent Extremism
Pressemitteilung
Der Prozess gegen den 21-jährigen Shariar J., der unter dem Pseudonym „White Tiger“ bekannt wurde, hat in Deutschland erstmals größere öffentliche Aufmerksamkeit auf ein transnationales Gewaltphänomen gelenkt, das bislang kaum erforscht und verstanden ist: Nihilistic Violent Extremism, kurz NVE. Dem Angeklagten werden laut Medienberichten mehr als 200 Straftaten zur Last gelegt, die er seit seinem 16. Lebensjahr begangen haben soll, darunter schwerste sexuelle Gewalt gegen Kinder und Mord. Das neue Research Paper des Center für Monitoring, Analyse und Strategie, kurz CeMAS, zeigt: Der Fall ist kein isoliertes Einzelereignis, sondern verweist auf ein digitales Milieu, in dem extreme Gewalt bis hin zur Planung von Terroranschlägen, Erpressung, sexuelle Gewalt und die gezielte Manipulation junger Menschen miteinander verschränkt sind.
Im Zentrum des NVE stehen vernetzte Onlinecommunitys, in denen nihilistische und misanthropische Überzeugungen, Anerkennungsdruck innerhalb der Community und die Akzeptanz extremer Gewalt ineinandergreifen. Besonders alarmierend: Täter:innen und Betroffene sind häufig Kinder und Jugendliche. In einem aktuellen Research Paper arbeitet CeMAS eine Definition des Phänomens aus. Demnach beschreibt NVE eine Dynamik, die in miteinander vernetzten Onlinecommunitys entsteht, wenn nihilistische und misanthropische Überzeugungen mit dem Ziel gesellschaftlicher Zerstörung, Anerkennungsdruck oder erlebter Zwang durch die Community sowie die Überzeugung zusammenkommen, extreme Gewalt als einzige Handlungsoption zu akzeptieren.
“Die Gewalt in den Communitys ist ein zentrales Element, an dem sich der Status in der Community orientiert. Dabei gilt: Je schwerer, öfter und grausamer die Gewalt ist, desto mehr Anerkennung gibt es dafür”, so Thilo Manemann, CeMAS Researcher und einer der Autoren des Berichts.
CeMAS zeigt anhand mehrerer Fälle aus Deutschland, dass NVE bereits Gegenstand zahlreicher Ermittlungsverfahren und Festnahmen ist. Die Vorwürfe reichen von schwerer sexueller Gewalt gegen Kinder bis hin zu Anschlagsplanungen. Dabei werden junge Menschen nicht nur zu Täter:innen, sondern können zugleich selbst Opfer von Gewalt, Erpressung und Manipulation innerhalb der Communitys werden. Bemerkenswert ist dabei auch das Verhältnis von NVE und Rechtsterrorismus: Die Analyse zeigt deutliche Überschneidungen zwischen Teilen der NVE-Community und rechtsterroristischen Onlinecommunitys, die als Terrorgram bekannt sind.
Manemann sagt, innerhalb der Überschneidungen von NVE und der rechtsterroristischen Terrorgram-Community sei vor allem die Ausübung analoger Gewalt zu beobachten. Gruppenmitglieder seien einer unkontrollierten Gewalteskalationsspirale unterworfen, die von Brandanschlägen über Morde bis zur Planung von Terroranschlägen reiche.
CeMAS rekonstruiert diese Eskalationsdynamik exemplarisch anhand einer Serie von mindestens sechs Brandstiftungen und Sachbeschädigungen in Deutschland und Österreich im April 2026. Dabei wird deutlich, wie schnell sich Gewalt innerhalb dieser Communitys steigern und im Rahmen ihrer charakteristischen Anerkennungsmechanismen befördert werden kann. Darüber hinaus enthält das Research Paper Zahlen und Daten aus dem laufenden CeMAS Monitoring sowie Empfehlungen für Handlungsansätze, um die besorgniserregenden Radikalisierungsdynamiken innerhalb dieses Phänomenbereichs frühzeitig zu erkennen und Kinder und Jugendliche besser zu schützen.
Das Research Paper ist als PDF auf der Website von CeMAS auf Deutsch verfügbar.
Für Fragen und Interviews stehen Thilo Manemann und Miro Dittrich gerne zur Verfügung.
Pressekontakt: Maheba Goedeke Tort
E-Mail: presse@cemas.io
Website: www.cemas.io
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